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Artikel in der Fuchsenzeitung vom Wintersemester 2002/03
Sucht Staufia den Superfuchs? Die Auswüchse der inszenierten Realität in den Medien
Von Reinhard W. Sentis, Self!, St! x
Wie realitätsnah das Fernsehen
ist, stellen die Medien doch immer wieder unter Beweis. Die Wunder von Lourdes
oder anderen Wallfahrtsstätten werden ständig polemischer Weise auseinander
gepflückt. Dafür gibt es Spontanheilungen nahezu
Beim Anblick von Schwester Stefanie & Co. will doch keiner mehr von Werteverfall reden. Ja, es gibt sie noch, die Mutter Theresa... Augenblick, Mutter Theresa? Wer war das gleich? In welcher Serie spielt die denn mit? Ach, ist ja auch egal. „Um Himmels Willen“ sagt niemand mehr, wenn die Katholische Nonne Sr. Lotte „mit Leib und Seele“ die weltliche Karriere hin zur Bürgermeisterin macht.
Und dennoch, Kirche ist out, die
Beichte interessiert eh niem Keine Angst, so schlimm ist das alles gar nicht, denn das mediale Zeitalter wird bereits durch das virtuelle abgelöst. Bits und Bytes, Chatten und Online-Shoppen, ICQ und MSN sind aber eher Thema für eine nächste Fuchsenzeitung. Wenden wir uns noch mal der Television zu. Aber eine Vision ist der folgende Beitrag weniger. Mehr ein Zusammenschnitt aus dem alltäglichen Allerlei:
Die Geschichte von Intra und Net So, liebe Intra, wer soll nun deine Herzblatt sein? Kandidat Nr. 3!
Aber zunächst zurück zum Anfang, zu einem bescheidenen Anfang im ARD-Vorabend-Programm. Glücklich wurde das Paar in der Folgesendung gezeigt mit diversen Fotos aus dem Herzblatt-Hubschrauber.
Es
Dadurch blieb dann allerdings auch nicht unentdeckt, dass Net des häufigeren nachmittags und dann auch abends mit Sabrina über den Boulevard Bio schlenderte oder sich mit ihr zum Talk im Turm verabredete.
Intra, von
blinder Eifersucht gepackt, meldete sich bei „Rach Dies forderte Net natürlich zum Gegenangriff heraus. Bei Vera am Mittag konterte er mit der Offenbarung, den Orgasmus bisher immer nur vorgetäuscht zu haben. – Allerdings tat er dies nicht recht überzeugend. Trotzdem erlitt Intra einen Nervenzusammenbruch. Die dramatische Rettungsaktion wurde selbstverständlich durch Notruf täglich noch mal in Szene gesetzt. Dies ließ Net dann nicht mehr kalt, und mittels Bitte verzeih mir versöhnten sich beide. Sicherlich hätte Net hier schon um Intras Hand anhalten können, aber dies war bereits für Nicole – die Entscheidung am Nachmittag geplant.
Die
Trauung fand dann natürlich bei Traumhochzeit statt, wobei Linda de Mol
dem Paar als Geschenk Flitterwochen auf dem „Boat of Love“ überreichte.
Trauzeugen waren Peter Imhof und Arabella. Die Fußbroichs
„Und bitte, – passen sie auf sich auf!“
Ein Interesse am Privatleben anderer hat es immer schon gegeben – im Kleinen beim täglichen Klatsch und Tratsch, wie im Großen bei der Jagd nach Informationen aus Adels- und Prominentenkreisen. „Das Private und Intime wird nicht erst seit heute zu Tage getragen. Wer sich darüber aufregt, setzt sich seit Langem dem Verdacht aus, von gestern zu sein.“ Deswegen nimmt die Boulevardpresse einen nicht unbedeutenden Stellenwert in den Medien ein, wovon man sich spätestens bei einem längeren Aufenthalt im ärztlichen Wartezimmer überzeugen kann. Welche Ausmaße das teils gewalttätige Eindringen in die Privatsphäre geeigneter, medienwirksamer Personen des öffentlichen Lebens und Interesses annehmen kann, hat sich vor einigen Jahren an dem Fall der Prinzessin Diana gezeigt, die eben auf der Flucht vor ihren „Jägern“ tödlich verunglückte. Den Versuch, ihre eigene Privatsphäre zu wahren, bezahlte sie mit ihrem Leben. „Nicht erst seit ‚Lady Di‘ wissen wir vom Siegeszug des Privaten im Öffentlichen“. Bereits 1977 bezeichnete Richard Sennett die öffentliche Kommunikation als „Tyrannei der Intimität“ der einher gehe mit dem Verfall des öffentlichen Lebens. Auf der anderen Seite erleben wir eine zunehmende Bereitschaft der Medienrezipienten, die eigene Privatheit aus verschiedenen Gründen aufzugeben, um sich selbst zu entsprechenden Objekten degradieren zu lassen: „Die Fußbroichs“, 60 Talkshows im deutschen Fernsehen, Webcams in der Wohnung oder auf der Sonnenbank, Hompages mit privatesten und intimsten Informationen. Beziehungsshows und Bekenntnistalk, „Girlscamp“ und „Big Brother“ sind die großen Quotenmacher der Mediengesellschaft in der Postmoderne. Und das Publikum? Es klatscht eben längst nicht mehr nur oder darf per Applaus, Anruf oder Knopfdruck interaktiv das Geschick mit bestimmen. Im Rahmen der „Verfeldbuschung“ darf, kann und soll jeder mitmachen. Dies wurde eindrucksvoll durch den Fernsehsender RTL2 im Allgemeinen mit den bereits genannten Reality-Shows und im Speziellen mit dem Big-Brother-Protagonisten Zlatko demonstriert. „Ihm ist Shakespeare unbekannt, was ihn nicht weiter bekümmert, sondern ihm (Zitat:) ,scheißegal‘ ist (...). Er protzt, stöhnt demonstrativ bei seinen Fitnessübungen, lästert, schimpft, gibt peinliche Weisheiten zum besten (...) und hat zu jedem Thema eine feststehende, unumstößliche Meinung“. Hierzu verweist der Augsburger Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Jürgen Grimm auf Erasmus von Rotterdam, der sich in seinem Buch „Lob der Torheit“ (1509) auf ironische Weise mit der mit der alltäglichen Beschränktheit der aufkommenden Vernunft der Neuzeit auseinandersetzt. Erasmus lenkt den Blick auf das Pferd, welches nicht darunter leidet, „dass es nicht rechnen kann, so wenig wie Zlatko darunter leidet, dass er nicht weiß, wer Shakespeare ist [...] Vor diesem Hintergrund wird verständlich, was viele Zlatko-Fans wider besseres Wissen dazu brachte, die ironische Formulierung "The Brain" für ihren Star anzunehmen. Sie erkannten in dem Anti-Intellektuellen einen Hinweis auf die prinzipielle Begrenztheit des menschlichen Erkenntnisvermögens - das eigene inklusive.“ Die richtige Vermarktung dieser Eindimensionalität bringt aber Profit. Dies gipfelte darin, dass sich der neue Medienstar einst bis in die nationale Vorauswahl des Grand Prix d' Eurovision de la Chanson sang, wobei er es mit beneidenswerter Präzision schaffte, keinen Ton zu treffen. Aber vielleicht gehörte dies zu seinem Konzept, denn er wusste: "Guildo Horn und Stefan Raab waren Spaßnummern. Wer meinen Song hört, weiß, dass ich eine Botschaft habe." „Schön blöd“ lautet der Titel des 1999 von Jürgen Bräunlein erschienen Buches. Hierin hält er für den Leser eine Fülle von Beispielen für den „unheimlichen Medienerfolg der Untalentierten“ bereit. Sein Fazit: „Heute noch nach einem verbindlichen kulturellen Bildungskanon zu suchen ist vergeblich. Schon das Wort Kanon ist ein Frevel. [...] Bildung und Stilsicherheit sind sehr schön, aber ,bad taste‘ ist lebensfroher und lustiger. [...] Lese statt Adorno lieber Porno!“ – „Das Fernsehen ist bei der Jagd nach Quoten ziemlich weit unten angekommen.“ „Kein anderes Medium hat größere Suggestivkraft als das Fernsehen. Mehr noch als dem gesprochenen oder gedruckten Wort glauben wir den bewegten Bildern. Was wir mit eigenen Augen sehen, so glauben wir, muss doch wahr sein. Fernsehbilder wirken so echt, dass wir zu leicht übersehen, dass sie bloß Fragmente der Wirklichkeit, montierte Ausschnitte, konstruierte Perspektiven sind.“ Des weiteren muss beachtet werden, dass „die Selektion von Nachrichten und Meinungen [...] unvermeidlich subjektiv“ ist; „ihr liegen Wertungen zugrunde, die das Bild der Realität verzerren können. [...] Die Auswahl der Ereignisse, über die man berichtet, hängt von deiner Interpretation der Wirklichkeit im ganzen ab; je nachdem, welche Bedeutung man bestimmten Nachrichten gegenüber anderen einräumt, verändert sich die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Realität durch die Bevölkerung“ Das, was uns Medien als Berichte über die Wirklichkeit präsentieren, ist nicht bloß selektierte und konstruierte, sondern vielfach auch noch von außermedialen Instanzen bewusst inszenierte Realität. Der Rezipient kann allerdings zwischen wahr und falsch, zwischen natürlich und künstlich, zwischen wichtig und unwichtig nicht mehr differenzieren, denn „real und relevant ist, was sie [Medien] als real und relevant darstellen. Was sie nicht als real und relevant darstellen ist nicht real und relevant.“ Was will man denn in Anbetracht dessen, in Anbetracht dieses Zeitalters denn noch mit einem Verein, der sich Verbindung nennt? Was will man mit realer Freundschaft und Kommunikation? Wofür brauchen wir denn in der heutigen Gesellschaft Regeln und Traditionen? Was bringt es denn schon, sich interdisziplinär auseinander zu setzen? Warum Verbindlichkeit. Weshalb Vorträge? Was bringt Glaube? Oder sollen wir nun auch nach unserem Superstar, unserem Superfuchsen suchen? NEIN, denn dies alles kann uns sehr wohl festhalten auf dem Boden der Realität. |
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