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Liebe Schwestern und Brüder!
Heute haben wir einen Text gehört, der dem
Buch Daniel entnommen ist: ein Loblied auf Sonne und Mond, auf alles, was
Gott geschaffen hat. Doch dieser Hymnus ist mehr als ein Gesang auf den
Urheber der Schöpfung. Er ist ein Lied auf den Herrn, der das Los der
Geschichte in seinen Händen hält.
Das trifft zunächst auf die drei Jünglinge im
Feuerofen zu, die trotz des Todesurteils nicht klagen, sondern singen. Einen
Götzen aus Gold wollten sie nicht anbeten, dafür setzten sie ihr ganzes
Leben auf Jahwe. Deshalb sollten sie den Feuertod sterben. Doch die Flammen
konnten ihnen nichts anhaben.
Der Gesang der Jünglinge bleibt kein Trio; er
weitet sich zu einem großen Chor. Es ist der österliche Chor, in dem seit
fast zweitausend Jahren die Stimmen der Christen zusammenklingen, um aus
voller Kehle das "Halleluja" zu singen: Der Tod hat den Kürzeren gezogen.
Jesus lebt, mit ihm auch ich! Tod, wo sind nun deine Schrecken?
Papst Johannes Paul II. in der Generalaudienz
am 02.05.2001 auf dem Petersplatz |

"Den toten Staufen zum
Gedenken" - Gedenktafel im Staufenhaus |
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Jedes Geschöpf lobe den Herrn
(Lesung: Dan 3, 57 – 88. 56)
1. »Preist den Herrn, all
ihr Werke des Herrn« (Dan 3,57). Ein kosmischer Hauch durchzieht
diesen Lobgesang aus dem Buch Daniel, den das Stundengebet für die
Laudes am Sonntag der ersten und dritten Woche vorsieht. Dieses wundervolle
litaneiartige Gebet paßt sehr gut zum »Dies Domini«, zum Tag des
Herrn, der uns im auferstandenen Christus den Höhepunkt des Heilsplanes
Gottes für den Kosmos und die Geschichte betrachten läßt. Denn in ihm, Alpha
und Omega, Anfang und Ende der Geschichte (vgl. Offb 22,13), erhält
die Schöpfung selbst ihren ganzen Sinn, weil – wie Johannes im Prolog seines
Evangeliums schreibt – »alles …durch das Wort geworden [ist]« (1,3). In der
Auferstehung Christi gipfelt die Heilsgeschichte, und die Menschheit öffnet
sich für die Gabe des Geistes und der Gotteskindschaft in Erwartung der
Wiederkehr des göttlichen Bräutigams, der die Welt an Gott, den Vater,
übergeben wird (vgl.1 Kor 15,24).
2. In diesem litaneiartigen
Text werden uns alle Dinge gleichsam vor Augen geführt. Der Blick richtet
sich auf die Sonne, den Mond und die Sterne; er legt sich auf die
unermeßliche Weite der Wasser, er erhebt sich zu den Bergen, er macht Halt
bei den unterschiedlichen Wetterphänomenen; er geht von der Wärme zur Kälte,
vom Licht zur Finsternis; er berücksichtigt die Welt der Mineralien und der
Pflanzen und verweilt bei den verschiedenen Tierarten. Der Aufruf wird dann
universaler Art: Er bezieht die Engel Gottes mit ein und wendet sich an alle
Menschenkinder, besonders betrifft er jedoch das Volk Gottes, Israel, dessen
Priester und Gerechte. Es ist ein großer Chor, eine Symphonie, in der die
vielen Stimmen ihren Gesang zu Gott erheben, dem Schöpfer des Universums und
Herrn der Geschichte. Im Lichte der christlichen Offenbarung vorgetragen,
wendet er sich an den dreifaltigen Gott. Eben hierzu fordert uns ja die
Liturgie auf, die dem Canticum eine trinitarische Formel hinzufügt: »Laßt
uns preisen den Vater und den Sohn mit dem Heiligen Geist …«.
3. In diesem Lobgesang
spiegelt sich in einem gewissen Sinn die universale religiöse Seele wider,
die in der Welt die Spuren Gottes erkennt und sich zur Betrachtung des
Schöpfers emporhebt. Im Zusammenhang des Buches Daniel hingegen stellt sich
diese Hymne dar als Dank dreier junger Israeliten: Hananja, Asarja und
Mischaël. Sie waren zum Tod durch Verbrennen in einem Ofen verurteilt, weil
sie sich geweigert hatten, die goldene Statue Nebukadnezars anzubeten,
jedoch wurden sie auf wunderbare Weise vor den Flammen bewahrt. Hintergrund
dieses Ereignisses ist jene besondere Heilsgeschichte, in der Gott das Volk
Israel als sein Volk erwählt und mit ihm einen Bund schließt. Und genau
diesem Bund wollen die drei jungen Israeliten treu bleiben, sogar um den
Preis des Märtyrertods im Feuerofen. Ihre Treue findet eine Antwort in der
Treue Gottes, der ihnen einen Engel sendet, um die Flammen von ihnen
fernzuhalten (vgl. Dan 3,49).
Somit steht dieser Lobpreis
in der Reihe jener Lobgesänge aufgrund überstandener Gefahren, wie wir sie
im Alten Testament finden. Unter ihnen ist das Siegeslied in Kapitel 14 des
Buches Exodus besonders berühmt: In ihm zeigen die Juden ihre Dankbarkeit
gegenüber dem Herrn für jene Nacht, in der sie unweigerlich vom Heer des
Pharao übermannt worden wären, wenn der Herr ihnen nicht eine Straße
zwischen den Wassern gebahnt und »Rosse und Wagen« ins Meer geworfen hätte (Ex
15,1).
4. Nicht zufällig läßt uns
die Liturgie jedes Jahr in der feierlichen Osternacht die von den Israeliten
beim Auszug gesungene Hymne wiederholen. Die Straße, die ihnen damals
bereitet wurde, verkündete prophetisch den neuen Weg, den der auferstandene
Christus in der heiligen Nacht seiner Auferstehung von den Toten für die
Menschheit eröffnet hat. Unser symbolischer Durchgang durch das Taufwasser
erlaubt es uns, eine ähnliche Erfahrung des Übergangs vom Tod zum Leben zu
machen, dank des Sieges über den Tod, den Jesus für uns alle errungen hat.
Wenn wir in der
sonntäglichen Liturgie der Laudes den Lobpreis der drei jungen Israeliten
wiederholen, wollen wir Jünger Christi in gleicher Weise Dank sagen für die
großen Werke Gottes in der Schöpfung und vor allem im Ostergeheimnis.
Der Christ erkennt nämlich
eine Verbindung zwischen der Befreiung der drei jungen Männer, von denen im
Lobgesang die Rede ist, und der Auferstehung Jesu. In ihr sieht die
Apostelgeschichte die Erfüllung des Gebets des Gläubigen, der – wie der
Psalmist – vertrauensvoll singt: »Denn du gibst mich nicht der Unterwelt
preis, noch läßt du deinen Frommen die Verwesung schauen« (Apg 2,27;
Ps 15,10).
Diese Verbindung zwischen
diesem Lobgesang und der Auferstehung ist tief in der Tradition verwurzelt.
Es gibt uralte Zeugnisse dafür, daß dieser Hymnus ein Bestandteil des
Gebetes am Tag des Herrn ist, dem wöchentlichen Osterfest der Christen.
Außerdem sind in den römischen Katakomben ikonografische Fundstücke
erhalten, auf denen die drei Jugendlichen betend und unversehrt zwischen den
Flammen zu sehen sind und auf diese Weise die Wirksamkeit des Gebets und die
Gewißheit des Eingreifens unseres Herrn bezeugen.
5. »Gepriesen bist du am
Gewölbe des Himmels, gerühmt und verherrlicht in Ewigkeit« (Dan
3,56). Wenn der Christ diese Hymne am Sonntagmorgen singt, fühlt er sich
dankbar – nicht nur für das Geschenk der Schöpfung, sondern auch weil er der
Adressat der väterlichen Fürsorge Gottes ist, der ihn in Christus zur Würde
eines Kindes Gottes erhoben hat.
Eine väterliche Fürsorge,
die mit neuen Augen auf die Schöpfung schauen und deren Schönheit auskosten
läßt, denn in ihr erkennt man – wie bei einem Wasserzeichen – die Liebe
Gottes. Mit diesen Empfindungen betrachtete der hl. Franziskus von Assisi
die Schöpfung und erhob sein Lob zu Gott, der letztendlichen Quelle aller
Schönheit. Ganz spontan können wir uns vorstellen, daß die Preisungen dieses
Bibeltextes in seinem Gemüt widerhallten, als er in San Damiano, nachdem er
schwerstes Leid an Leib und Geist erfahren hatte, seinen Sonnengesang
verfaßte.
Papst Johannes Paul II.
in der Generalaudienz am 02.05.2001 auf dem Petersplatz
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